Daily Archives: April 21, 2009

Jazz’N’More review by Jürg Solothurnmann

cf079ANTHONY BRAXTON / JOE FONDA – „Duets 1995“ (CF 079)
Note: 4
Diese CD ist eine Wiederveröffentlichung einer beim deutschen Label Konnex erschienenen CD. Anthony Braxton hat schon verschiedene Duetts mit Bassisten aufgenommen, beispielsweise mit Mario Pavone und Peter Niklas Wilson. Mit Joe Fonda, der ebenfalls in Neuengland lebt, spielt Braxton schon seit den 80er Jahren immer wieder. Der stark unterbewertete Bassist und Komponist ist vielleicht am besten bekannt von seinen Gruppen mit dem Pianisten Michael Jefry Stevens, in denen es häufig um allerlei Brückenschläge zwischen modernem Mainstream und Free Jazz/Free Music geht. Dies kommt der CD zustatten. Am Anfang und am Schluss stehen die Standards „All Of You“ und „Autumn in New York“. Braxtons Spielweise als Altist ist zwar stark von der Tradition (Benny Carter, Cool-Saxophonisten) beeinflusst, aber die Bebop-Stilistik hat er nie gemeistert – weder die Artikulierung noch die form- und akkordbezogene Improvisation. Diese seltsame Vorliebe irritiert darum. Doch mit allerlei Wassern gewaschen, versteht es der voluminös klingende und temposichere Fonda glänzend, die wackeligen Momente aufzufangen. – Ueberzeugender sind die anderen sechs Tracks, je drei Eigenkompositionen. In Fondas Stücken werden Themen frei weiter gesponnen, wobei Braxton Gebrauch macht von seinen differenzierten „sound languages“ und „rhythm languages“. Seine eigenen unisono exponierten Kompositionen verwerten improvisatorisch isolierte Teilaspekte, was eine kohärente Wirkung erzeugt. Jedes Stück hat einen anderen Fokus. “Composition 168 (+147)” kontrastiert bedeutsame Stille mit heftigen Ausbrüchen. In “Composition 173” wird mit Power linear gespielt, wobei Braxtons spezielle rhythmische Phrasierung besonders zur Geltung kommt. Und die “Composition 136” erforscht Varianten der Intonation und mit weiten Sprüngen zwischen extremen Tonbereichen.

Jazz’N’More review by Jürg Solothurnmann

cf094DENNIS GONZALEZ NY QUARTET – Dance of the Soothsayer (Live at Tonic) (CF 094)
Note: 4
Dennis Gonzalez, der in Dallas lebende Trompeter, bildende Künstler, Linguist und Schriftsteller, blieb lange ein Geheimtip (und nur zu finden auf den schwer erhältlichen Labels DAAGNIM, Silkheart und Konnex) – bis er in New York mit dortigen Musikern eine Filiale eröffnete. Gonzalez Spezialität ist die Verschmelzung von Latin Music mit Postbop und panmodalem Free Jazz. Der erste Track zeigt ihn quasi solo als sparsamen Verwerter ganz weniger melodischer Ideen. Dann wird die Groove-Maschine Helias-Thompson angeworfen und die Melodie begibt sich auf eine lange assoziativ-frei entwickelte Spritzfahrt, gefolgt von einem spannenden Pizzicato-Solo von Helias und von Eskelin, der sich hauchend ins Geschehen einschleicht. Mit einem fetten Ton der an Coleman Hawkins erinnert, aber melodisch und rhythmisch frei engagiert er danach Bass und Schlagzeug zu eng verzahnten Interaktionen. Da wird wirklich zusammen gespielt und kommuniziert. Sehr musikalisch ist auch der Beitrag des Schlagzeugers Thompson, der auf den Trommelfellen geradezu spricht (Dance of the Soothsayer’s Tongue) bevor volltönend und gesanglich Gonzalez einsteigt und mit „free latin music“ zum Hüftewackeln animiert. Der Szenenreichtum der Quartettmusik kommt später nochmals besonders in der fünfteiligen „Afrikanu Suite“ zur Geltung. Das Ganze hat etwas Lustvolles und viel Wärme und ist geeignet, auch Skeptiker für frei erfundenen Jazz zu gewinnen.

Jazz’N’More review by Jürg Solothurnmann

cf098mi3 – Free Advice (CF 098)
Note: 4
In eine ähnliche Richtung geht und im selben Umfeld der Bostoner Free Szene bewegt sich der in den 80er Jahren eingewanderte Grieche Karayorgis. Der Pianist studierte am New England Conservatory bei Paul Bley und Dave Holland und publizierte seine CDs bisher meistens bei Leo Records. Auch sein eingefuchstes Trio improvisiert vor allem mit Themen des Leaders, aber in maskierter, abstrahierter Manier auch mit Jazzthemen – diesmal von Ellington, Sun Ra und dem kaum bekannten Bebop-Pianisten Hasaan Ibn Ali. Karayorgis verschmäht Harmonien nicht ganz und liebt auch eng gesetzte Blockakkorde, die zu Clustern werden können. Ellington ist denn auch herauszuhören, nebst Verwandtschaften zu Monk, Tristano und dem frühen Cecil Taylor. Die Bezüge zu den historischen Einflüssen sind hier deutlicher herauszuhören, und oft ist das Aufblicken zu den Autoritäten auch ganz bewusst, z.B. in „Fink Sink Tink“ (die Trioaufnahmen von Ellington, Monk und Mingus). Kommt dazu, dass Nate McBrides in ähnlicher Manier in die Saiten greift wie weiland Mingus.  Insgesamt eine interessante Aufnahme zwischen Free Bop und freier Improvisation, aber weniger kohärent als jene Lantners.

Jazz’N’More review by Jürg Solothurnmann

cf107

KIRK KNUFFKE QUARTET – Bigwig (CF 107)
Note: 4

cf-106

MICHAEL DESSEN TRIO – Between Shadow and Space (CF 106)
Note: 5
Auch die amerikanische Szene gebärt ständig neue Musiker. Der aus Denver/ Colorado stammende Knuffke. Bevor der Trompeter 2005 den Sprung nach New York wagte, studierte er bei Art Lande, Ron Miles, Hugh Ragin und Wynton Marsalis. Mit seiner aktuellen Musik beruft er sich auch auf  Butch Morris, Steve Lacy und Ornette Coleman. Man könnte die Umsetzung seiner meistens konventionell groovenden Stücke als heutigen Freebop bezeichnen, der einer Linie folgt, die mit dem „George Russell Sextet“ in den späten 50er Jahren beginnt und über Don Cherrys Suiten und das AEOC, aber auch Europäern wie z.B. Manfred Schoof weiterführt. Die gehaltvollen zwölf Themen, das Niveau der häufig kollektiven Improvisationen und die robuste Kompaktheit seines Quartetts sind beachtlich. Der Form Thema-Soli-Thema wird kaum angetastet, und an stärkere Reize gewöhnte Ohren wird’s kaum stören, dass hier pantonal improvisiert wird. Die symbiotischen Interaktionen mit dem Posaunisten Dessen erweitern sich manchmal auch zu freien Soundgesprächen. Eine gemässigt moderne, aber integre Musik, die verschiedenste alte und neuere Quellen verdaut.

 Verschiedenste Quellen wie Malerei, Konzeptkunst, Weltliteratur (Neruda) und Biologie inspirierten die Kreationen des Südkaliforniers Dessen, ein Komponist und Experimentalmusiker, der die Posaune gesanglich-elegant und unkonventionell verwendet und von den Kollegen „kompositorisches Mitdenken“ verlangt. Darum ergeben sich mit der „Rhythmusgruppe“ wesentlich abwechslungsreichere und enger verzahnte Interaktionen und ein starker innerer Zusammenhang von Thema/Initialidee und improvisatorischer Verwertung, wobei der vielgefragte Sorey (George Lewis, Vijay Iyer, Anthony Davis usw.) hervorzuheben ist. Die subtile Farbgebung der Perkussion und das teilweise sparsame, andeutende Spiel wird gekonnt erweitert durch die manchmal vom Computer umgeformten Posaunenklänge. Bemerkenswert ist die Bestimmtheit des Bassisten, die auch einfach Gesten bedeutsam macht. Bei aller Avanciertheit eine gut durchhörbare Musik.

Jazz’N’More review by Jürg Solothurnmann

cf0971STEVE LEHMAN QUARTET – Manyfold (CF 097)
Note: 4
Die Arbeit von offenen Pädagogen wie Anthony Braxtons an der Weslyan University beginnt Früchte zu bringen: Der 28jährige Saxophonist Steve Lehman ist ein ehemaliger Student von Jackie McLean und Braxton. Erstmals ist Lehman aufgefallen im Trio “Fieldworks” (PI Recordings) des indisch-amerikanischen Pianisten Vijay Iyer sowie mit Musikern aus dem Umfeld der New Yorker M-BASE. Damit ist schon einiges gesagt. Die komplexe Erweiterung des gängigen Funk mit asymmetrischer Polyrhythmik und mit Wechselmetren und der akrobatische Ausbau der Melodik sind zentrale Spezialitäten dieses Kreises. „Manyfold“ ist eine technisch nicht perfekte aber dafür spritzige Live-Aufnahme beim letztjährigen internationalen Festival in Coimbra, Portugal. Lehman’s Quartett enthält den ebenfalls viel versprechenden schwarzen Trompeten-Debutanten Jonathan Finlayson (mit Anklängen an Booker Lyttle) und die zwei älteren erfahrenen Musiker John Hebert und Nasheet Waits, dr. Absolut zutreffend heisst die CD “Manifold”. Mit einer Widmung für Evan Parker und quirligen Themen, deren turbulente Staccato-Strukturen Braxtons und Roscoe Mitchells (?) Einfluss verraten, bekennt Lehman Farbe. In seinen „Interfaces“ legt er zwei oder mehr unabhängige Tonlinien übereinander. Eine interessante Verbindung von mathematisch Ausgeklügeltem mit Temperament. Ruhigere Kontrapunkte setzen der abgewandelte tonale Postbop mit weiten Intervallen von Andrew Hill’s „Dusk“ und Finlaysons balladeske „Berceuse“.

Jazz’N’More review by Jürg Solothurnmann

cf-1142Mauger – The Beautiful Enabler (CF 114)
Note: 5
1978 mit südindischen Eltern in Trieste geboren, aufgewachsen in Colorado, ausgebildet in Boston und Chicago und jetzt aktiv in New York, das sind die bisherigen Stationen des „rising star“ Mahanthappa. Der Altsaxophonist tut sich hier mit zwei älteren, prominenten Kollegen zusammen, wie er zwei Spezialisten des Zwischenbereichs von avancierter Komposition und freier Improvisation, die sich von früheren langen Kollaborationen, z.B. mit Braxton, in- und auswendig kennen. Sechs eigene Themen werden panmodal weiterentwickelt, aber wie im siebten steht die spontane Erfindung im Vordergrund, getragen von engen Interaktionen. Dabei entwickelt Dresser, ein ausserordentlich initiativer, musikalischer Bassist, gleich viel Initiative wie seine Kollegen, wobei ihm auch sein grosses technisches Repertoire – gestrichen und gezupft – zustatten kommt. Der wundervolle Möglichmacher und „Befähiger“ ist er selbst. Der hochmusikalische Hemingway kann sich wie ein klassischer Perkussionist zurücknehmen, aber auch sehr bestimmt eingreifen. Mahanthappa wird jederzeit getragen, „singt“ oft ähnlich wie Oliver Lake, agiert mit grösserer Lockerheit als auf anderen CDs und konzentriert sich auf ganz verschiedene Aspekte von Klangfarbe, Melodik, Rhythmus und Artikulation. Die Chemie stimmt und die Ideen fliessen mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit auf hohem Niveau. Eine inspirierte Session, die Lust macht auf mehr.

Jazz’N’More review by Jürg Solothurnmann

cf0991TONY MALABY/WILLIAM PARKER/NASHEET WAITS – Tamarindo (CF 099)
Note: 5
Diese Studioaufnahme beginnt mit heiseren Sounds, Referenzen an den R&B, den freien Archie Shepp und an Pharoah Sanders. Wie losgelöst legt Malaby dann über den intensiven Groove volltönende Sopranlinien, die zuerst wie losgelöst schweben, um dann ins schnelle Tempo einzuschwenken. Und wieder geht’s zurück zum Tenorsax, nun mit einem freien intimen Lied. Tony Malaby trifft man selten als Leader an, zu selten. Ohne Aufsehen zu erregen hat er sich seit 1990 in New York allmählich in die vorderste Reihe gespielt, ein Musiker, der mit jeder Situation zurecht kommt, ob mit Songs, modernem Mainstream, Stücken zwischen Jazz und Neuer Musik oder mit freien Inventionen. Sein erdiges Tenorspiel ist ausgezeichnet, aber noch individueller klingt sein Sopransaxophon (vgl. Mother’s Love). Der Texaner absorbiert ein breites Spektrum von Einflüssen, ohne je eine anderen Saxophonisten zu zitieren. Malaby mag bekannt sein von Bands in der Nachfolge von Mingus oder der Zusammenarbeit mit Joey DeFrancesco und Marty Ehrlich. Wenn der Begriff überhaupt noch taugt: hier spielt er Free Jazz von heute. Ausgehend von eigenem thematischem Material entwickelt er hier sechs farbige Stücke und hat dafür die massive, engagierte Unterstützung von zwei beschlagenen Partnern mit grossen Ohren. Hochmusikalisch wird das Material locker exponiert und frei verwertet. Die Musik ist kein Moment überladen, eine anregende, szenenreiche Session, spontan und gesanglich.