Daily Archives: May 18, 2009

Clean Feed Fest New York IV

Clean Feed 1

To be happening again at the Living Theatre from sept 17th to the 21st, no intermissions this time !

Program will be placed soon.

Don’t miss it !!!

Jazz’n’More review by Jürg Solothurnmann

CF 139TRINITY – Breaking The Mold (CF 139)
Note: 4

Ausbruch aus fixen Formen mit Spielfreude und Witz. Die skandinavische Jazzszene steht bei uns hoch im Kurs, doch meistens wegen den romantisierenden Produktionen, welche das Klischee vom „coolen“ Norden bestätigen. Aehnlich wie etwa Supersilent markiert Trinity aber die eruptiv-intuitive Gegenseite. Bei noch uns ebenso unbekannt, leitet Møster in der Region Oslo eine Reihe von Bands. Er startete als muskulöser Rockbassist bevor er sein Idol Coltrane entdeckte. Beide Seiten inspirieren die eher dichten, kantigen Soundbilder dieses Quartetts, die dann im monumentalen vierten Set auch in kahle weite Traumlandschaften abtauchen. Manche der freien kollektiven Erfindungen erinnern an den späten Coltrane, Ayler und Rashied Ali, manche sind elektronische Musik jenseits von Sun Ra. Der Keyboarder Qvenild (Ex-Jaga Jazzist) benutzt intensiv live-elektronischen Verfremdungen mit Ringmodulator und Pedalen und mischt sich auch mit den ekstatischsten Saxofonsounds, und auch die Kollegen Flaten (Mats Gustafsson, Raoul Björkenheim) und Strønen sind voll dabei. Das Sound- und Energiespiel des Free Jazz ist nicht passé, aber es wird hier relativiert und potenziert mit verschiedenen Zeit- oder Rhythmusebenen. Entweder geht man mit auf die schamanistische Reise – oder man wird abgeworfen.

Jazz’n’More review by Jürg Solothurnmann

CF 137DENMAN MARONEY QUINTET – Udentity (CF 137) 
Note: 4

Der 60jährige New Yorker Maroney führt den Jazz ins 21. Jahrhundert. Zu seinen Lehrern gehörten Bill Dixon, der Perkussionist/Komponist John Bergamo und Elektroniker und Komponisten wie James Tenney und Morton Subotnick. Scott Joplin, Ellington, Monk und Ornette Coleman  inspirieren ihn ebenso wie John Cage, Stockhausen, Nancarrow und Messiaen. Was er „Hyperpiano“ nennt, ist ein stark präparierter Flügel, dessen Spielweisen er extrem entwickelt hat. Die Sounds der direkt bearbeiteten Saiten ergeben eigenartige Kontraste. Die gut kommunizierenden Rothenberg und Ballou, zwei Stammspieler bei Maroney, sind progressive komponierende Improvisatoren mit „Third Stream“-Erfahrung und einem hoch differenzierten Umgang mit Struktur und Klang. Und Sarin ist ebenfalls mehr als ein blosser Jazzdrummer. Die Bezeichnung „udentity“ für Identität der Untertöne stammt vom Komponisten Harry Partch. Maroney ist engagiert, aber nicht ohne Selbstironie. Seine Kompositionen „Udentity 1-7“ gehen bruchlos in ebenso vielschichtige Kollektivimprovisationen über mit Kombinationen schier disparater Elemente. Besonders frappant sind die Ueberlagerungen ungleicher Tempi und Rhythmen. „Udentity 1“ beginnt das z.B. wie verfremdeter Funk, und „Udentity 2“ bedient sich bei „Blue Trane“. Alles kann mit stilistisch und thematisch einen unerwarteten Verlauf nehmen. Zwar eine Knacknuss, aber auch nach mehrmaligem aufmerksamem Anhören entdeckt man noch Neues.

Jazz’n’More review by Jürg Solothurnmann

CF 133DARREN JOHNSTON – The Edge of the Forest (CF 133)
Note: 5

Johnston, ein Kanadier in San Francisco, ist als Trompeter und Komponist ein Mann mit Zukunft. Er hat schon intensiv mit Solisten wie Fred Frith, Larry Ochs und Myra Melford gearbeitet; zentral aber sind sein „Nice Guy Trio“ (mit Akkordeonist Reich) und das Quintett. Seine markanten Ideen als Komponist und Arrangeur stehen deutlich im Dienst der Improvisation. Der kreative Eklektiker macht auch Theatermusik und absorbiert die Tradition von New Orleans bis Rock, Free Music und klassischer Moderne. Geschickte Kniffe vermeiden die Banalität. Die Rhythmen sind ebenso stark wie sie eiern und das musikalische Geschehen nimmt oft unerwartete, asymmetrische Wendungen. Spannung schaffen Gegensätze wie tonal Themen und Hintergründe gegen freie Improvisationen oder repetierte lebhafte Rhythmik gegen schwebende Lyrizismen. Ebenso die häufigen Wechsel  zwischen Grooves, Rubato und Fermaten. „Be The Frog“ macht z.B. den Anfang mit einem 9er Rhythmus und einem dissonant gesetzten Thema, was an George Russell erinnert. Johnstons Solo hat die spröde Gesanglichkeit Booker Littles. Es stochert fast sprechend in engen Intervallen. Mit seinem Ende versiegt auch der Beat. Dann beginnen sich Tenorsax und Klarinette pointilistisch zu umspielen und alles wächst zur Kollektivimprovisation, die zurück zum synkopischen Neuner führt, aber mit offenem Ende. – Das Schlagzeug ist meistens ziemlich diskret; der Bass aber wuchtig. Ausgezeichnet auch Ben Goldberg (bekannt mit seinem freien Klezmer-Jazz) und der hier noch kaum bekannte Sheldon Brown, ein musikalischer Nachbar Joe Lovanos. – Ein abenteuerliches, aber gut zugängliches Debut von Johnston.

Jazz’n’More review by Jürg Solothurnmann

CF 127THE FLATLAND COLLECTIVE – Maatjes  (CF 127)
Note: 4

Glissandi von Posaune, Cello und Synthesizer am Anfang, auf die in Medium Rock eine atonale Unisono-Bäserlinie gesetzt wird. Daran schliessen sich ganz andere Teile wie ein Dolphy-nahes Altsaxsolo. Mikrotonalität mischt sich mit Jazz nach Mingus. Der holländische Avantgarde-Jazzer Dijkstra hat sich 2002 in den USA etabliert und hier fünf Exponenten der neuen Chicagoer Avantgarde zusammengeholt, ihrerseits vom europäischen Eklektizismus. Zu seinem facettenreichen Saxophonspiel addiert Dijkstra Jazz der 50er Jahre, Free Jazz und auch Elektronik, und diese beeinflusst wiederum die akustischen Sounds. Speziell ist die Verwendung des Lyricons. Divertimento-artig kombiniert Dijkstra Einflüsse aus der europäischen Free Music, Neuen Musik und pulsierendem Minimalismus Reichs und Rileys mit Ideen amerikanischer Komponisten wie Tenney, stark geprägt von Klangfarben und Geräusch. „Partially Overdone“ ist etwa ein einziger grosser Pedalton, dessen Dramatik allein durch Obertöne, Beimischungen und Lautstärke bestimmt ist. Dosiert auskomponierte Passagen kippen in turbulente Kollektivimprovisationen über, starke Gesten und Grooves interagieren mit Statischem und „nebulösen“ Teilen. Die Solisten haben etwas zu sagen und gehen mit den paradoxen Szenarien sicher, ja resolut um. Und immer wieder, wenn geräuschhaft hart zur Sache gegangen worden ist, kommen in den 10 Stücken Momente, wo sich das Ohr erholen kann. Am Schluss wird noch holländische Folklore mit Sun Ra gekreuzt…

Jazz’n’More review by Jürg Solothurnmann

CF 138PAUL DUNMALL SUN QUARTET – Ancient and Future Airs (CF 138)
Note: 3

Der Brite Dunmall hat einen Draht zur US-Free-Szene. Diese Live-Begegnung ist 2008 in New York aufgenommen worden. Dunmall, der sich ja im Umfeld von Keith Tippett entwickelt hat, ist ursprünglich Coltrane und üppigen Kollektivimprovisationen verpflichtet und liebt auch Jazz-Grooves. Der luftige und eher atmosphärische Charakter dieser Produktion fällt daher auf. Man trifft sich mitten im Atlantik: Dunmal eher weniger coltranesk, und die drei Amerikaner offener, freier. Vielleicht mit Ausnahme von Norton kommen sie nicht von der Free Music und lieben swingende und singende Bop- und Blues-Bezüge – Malaby auffällig strukturbewusst. Vieles erscheint hier nur angedeutet, doch wenn die zwei Tenoristen heftige Höhepunkte erreichen, blickt ihnen Trane wieder über die Schulter. Speziell ist das Duett von Sopransax und Dudelsack (eine Parallele zu Evan Parkers zirkularen Soli). Das ist gutes Handwerk, aber zwischen Balladeskem und abstrakter Klangerforschung gelangt man von diesem zu jenem. Die grosse Länge des ersten der beiden Sets ist nicht zwingend und wahrhaftig etwas „ancient“.

Jazz’n’More review by Jürg Solothurnmann

CF 136MICHAEL BLAKE / KRESTEN OSGOOD – Control This (CF 136)
Note: 4

Blake wurde mit den „Lounge Lizzards“ bekannt. Der 45jährige Kanadier in New York ist solide in der Jazztradition verwurzelt und liebt diese offen mit anderen Idiomen zu verbinden. Hier trifft er sich mit dem dänischen Ausnahme-Drummer Osgood, der zwischen Kopenhagen und NYC pendelt und auch mit Sam Riviers, Oliver Lake und Paul Bley gearbeitet hat. Die eng verzahnten Duos sind modal oder panmodal offen gestaltet, doch das Fundament des Blues und der Saxophonistendynastie von Hawkins, Webster und Hodges bis Parker scheint immer durch und erhält eine Parallele mit dem vom Two Beat beeinflussten Trommelspiel. Sechs der sieben Tracks sind Spontankreationen, doch mit vielen Anspielungen auf die Geschichte. Besonders in „Top Hat“ und „Cotton Mouth“ kann Blake neu auch als eloquenter Altsaxophonist entdeckt werden. Mein Favorit: Ellingtons der zehnminütiger „Creole Love Call“ (eine Verneigung vor Rahsaan und Coltrane mit Overdubbing von Tenor, Alto und Soprano), dessen Tenorsolo sich über ganz verschiedene stilistische und emotionale Stadien verwandelt. Tiefe Zwiesprachen meist ohne Längen, die ich mal live erleben möchte.