Jazz Podium Interview by Thorsten Meyer

Jazz Podium 3/2012 Interview

Carlos Bica – Streben nach Einfachheit
(„Denk nicht darüber nach, was die anderen davon halten, sondern mach es, wenn Du es für richtig hältst.“)

    „Was beim Hörer ankommt steht nicht auf dem Notenpapier.“
    „Seit ich angefangen habe zu musizieren ist dieses Streben nach Einfachheit einfach da.“
    „Manche fragen mich „Warum sagst Du Songs? Ein Song braucht einen Text.“ Wenn ein Stück gut ist kann es eine Tiefe erreichen, die keinen Text benötigt.“

„Und doch schreiben wir nur ein einziges Lied im Leben.“ Carlos Bica hat in seinem Leben ganz viele Songs geschrieben, und doch ist sein Satz wohlgewählt – und wohlplatziert. Er findet sich in seinem Geleitwort zu „Song Book“, einer Notenedition einiger seiner Kompositionen. An diesem einzigen Lied schreibt der portugiesische Kontrabassist schon seit über zwanzig Jahren, einmal mehr auch auf der neuen CD seines Trios AZUL („Things About“, Clean Feed).

Wonach hast Du die Stücke im „Song Book“ ausgewählt? 

Einerseits waren es Kompositionen, die für mich persönlich wichtig waren und sind. Dann sollten die Stücke Songcharakter haben. Es sind ja sehr einfach gehaltene, klare Stücke. Diese Einfachheit ist wichtig, damit sowohl Profimusiker als auch Studenten sie spielen können.

Ein Problem war, dass ich kein Computerprogramm für meine Partituren habe sondern normalerweise alles mit der Hand schreibe. Als Jazzmusiker ist man es ja gewohnt, dass vieles gar nicht notiert wird.  Man erklärt den Geist der Komposition, ihre Dynamik und Artikulierungen direkt, schreibt es nicht auf. Das geht bei einem Songbook natürlich nicht. Es musste vieles neu geschrieben werden. Da hatte der Verlag einiges zu tun. Mir hat das Handgeschriebene dann aber gefehlt. Es war etwas kalt. Da bin ich auf die Idee gekommen eine Freundin einzuladen um Zeichnungen zu den Stücken zu machen. Ich bin jetzt sehr zufrieden. Es ist sehr schön geworden.

Du sagst Deine Musik sei ‚einfach’. Vieles was einfach klingt muss aber ja nicht einfach konstruiert sein. 

Was beim Hörer ankommt steht nicht auf dem Notenpapier. Wenn man etwas macht, wo man gerne für sich ist, die innere Stimme herauskommt, dann kommt man auf eine Tiefe und erreicht damit dann auch das Publikum. Man kann auch mit komplizierter Musik Zuhörer erreichen, sicher, aber ich denke, dass man das Publikum letztlich nur durch diese Tiefe erreicht. Es ist natürlich leichter, wenn man eine Melodie hat, die man nachsingen kann. Wenn eine Melodie gut ist, brauchst Du nicht mehr viel Weiteres. Wenn jemand aus dem Konzert kommt und pfeift die Melodie ist das doch sehr schön.

Wo hat dieses Denken seine Wurzeln? 

Das bin ich einfach. Das ist meine musikalische Persönlichkeit. Seit ich angefangen habe zu musizieren ist dieses Streben nach Einfachheit einfach da. Auch die Einstellung zum Klang und was er für eine wichtige Rolle spielt.

Manche fragen mich „Warum sagst Du Songs? Ein Song braucht einen Text.“ Wenn ein Stück gut ist kann es eine Tiefe erreichen, die keinen Text benötigt. Es gibt genügend Stücke, die keinen Text haben und besser sind als welche mit Text. Bei einem Stück ohne Text ist die Fantasie des Hörers ganz anders angeregt.

Es hat nun einige Jahre gedauert bis Du wieder mit AZUL eine neue CD gemacht hast. Brauchte die Band diese Pause?

Es gibt da keinen Plan. Ich schaue bei neuem Material immer, wie es passt. Jetzt waren es vier Jahre, vielleicht sind es beim nächsten Mal nur zwei. Da gibt es kein System.

Du hast viele unterschiedliche Projekte: AZUL, Matéria-Prima, DIZ, Dein Duo mit dem Pianisten Joao Paulo und noch anderes. Nach welchem Prinzip entscheidest Du, für welchen Kontext das Material am Besten passt?

Das weiß ich meistens wenn ich es zusammenstelle. Manchmal probiere ich auch einfach ob es in einem bestimmten Kontext funktioniert. Wir sind in dem Trio zwar alle gleichberechtigt, aber Frank ist schon ein wichtiger Partner. Er ist quasi der Sänger der Gruppe. Er muss sich als erster wohlfühlen in den Stücken. Ich bin zwar der Bandleader und schreibe die Stücke, aber wir spielen als Band. Es ist ja nicht so, dass ich denen die Noten gebe und sie ihren Job erfüllen sollen. Jeder muss bei den Stücken wissen, wie er damit umgehen muss, was das Stück verlangt. Erst da fängt dann die Musik an. Damit das stattfindet muss ein Musiker das Stück adoptieren. Wenn das Grundbild klar ist kann es bei jedem Konzert wieder neu ausgestaltet werden. Auf diese Art und Weise versuchen wir die delikate Balance zwischen der Magie der improvisierte Musik und die klaren Konturen  eines Songs zu erreichen.

Unsere musikalische Einstellung ist ein ständig wachsender Prozess. Als wir vor 15 Jahre unsere erste CD aufgenommen haben, herrschte eher eine traditionellere Spieleinstellung. Jetzt ist es anders, schwer zu beschreiben. Jeder bringt seine unterschiedliche Lebens und musikalischen Erfahrungen mit in die Band ein, aber trotzdem ist allen klar, dass, wenn wir spielen ein bestimmter Klang notwendig ist – der AZUL Klang.

Ihr habt diesmal keine Gäste mit dabei. 

Es war keine bewusste Entscheidung gegen den elektro-akustischen Ansatz von „Believer“. Wenn ich eine neue Platte angehe frage ich mich natürlich, welches Format sie haben soll. Ich hatte auch schon ein paar Namen für eventuelle Gäste im Kopf. Aber es ist schwer das zu konzipieren ohne die Stücke gespielt zu haben. Als sich die dann konkretisiert haben, habe ich gedacht „Nein, warum eigentlich?“ Mit DJ Illvibe (aka Vincent von Schlippenbach) ist es damals [für die vorletzte AZUL-CD „Believer“] ganz natürlich entstanden. Ich habe ihn einmal im ‚B-Flat’ gehört, war total begeistert und 100%ig sicher, dass es klappt mit ihm. Wir haben gar nicht geprobt. Er ist einfach ins Studio gekommen, ein paar Stunden geblieben und wieder gegangen. Es war gelungen. Diesmal, nachdem wir angefangen haben zu proben, war mir klar, dass die Musik im Trio gut funktioniert. Es muss einen Grund haben, wenn man dann noch einen anderen Musiker dazu bittet, und der Grund war nicht da.

Folgen die Stücke einem roten Faden? 

(überlegt) Die CD sollte eine ruhige Stimmung haben, auch wenn „Deixa pra lá“ etwas rockiger ist. Aber das ist so ok., es ist wie einen Stein zu werfen in einen ruhigen See. Ich versuche sowohl Musik, die zum Träumen bringt als auch welche zu der man träumen kann zu thematisieren. Ich mag es, wenn ein Stück Poesie hat.

Die Stücke sind nicht sehr lang. 

Es hat mit dem Songformat zu tun. Man macht ein Statement und sagt, was zu sagen ist. Punkt. Die Kollegen und ich sind uns einig, dass Improvisationen in diese Band nicht im Mittelpunkt stehen. In der Konzeption bzw. Kreation eines Stücks wird schon viel improvisiert, da müssen dann nicht unbedingt auch noch viele Soli sein. Eine Improvisation muss einem Stück eine zusätzliche Facette geben, sonst brauche ich sie nicht. Es muss eine Fortsetzung der Komposition sein, integriert ins Arrangement. Es gibt Stücke, die wie Jazzstandards eine Form haben über die man dann improvisiert. Wenn das nicht gut gemacht ist, dann wird es zum Klischee: Thema-Improvisation-Thema. Das interessiert mich nicht. Bei mir soll die Improvisation Teil des Ganzen sein. Das funktioniert am besten, wenn diese Teile kurz sind, und dadurch sind eben auch die Stücke kurz.

Deine Titelgebung wirkt manchmal durchaus programmatisch. 

Ich bin froh, wenn ein Titel da ist und ich nicht so überlegen muss. Manchmal kommt dann aber doch etwas Interessantes dabei heraus, z.B. bei „Elle m’a dit (fait ce que tu veut mais fais-le bien)“. Dass heißt ja übersetzt: „Sie hat mir gesagt: mach was Du willst, aber mach es gut)“. Das hat mir einmal eine Freundin gesagt. Mir ist das immer im Gedächtnis geblieben, nach dem Motto. „Denk nicht darüber nach, was die anderen davon halten, sondern mach es, wenn Du es für richtig hältst.“ Diesen Gedanken wollte ich nun auch musikalisch festhalten. Der Satz gehört zu meiner Lebensphilosophie.

Aktuell:
Carlos Bica + AZUL: Things about (Clean Feed, 2012)
Carlos Bica: Song Book (Edition MAWI, ENJA)

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